Homophobie im Fussball: «Hinhören statt mitsingen»

Unter dem Titel «Homophobie im Fussball: Hirn einschalten, nicht mitsingen» publizierte mannschaft.com am 14. September einen Kommentar von Silvan Hess zu den homophoben Vorfällen im französischen Fussball. Um gleich zu Beginn alle Missverständnisse auszuschliessen: Auch wir verurteilen die Vorfälle in Frankreich und sind froh, dass die Schiedsrichter die FIFA-Richtlinien umgesetzt und die Spiele unterbrochen haben. Ebenso ist natürlich die Relativierung von Homophobie ggü. Rassismus durch Noël Le Graët, dem Präsidenten des französischen Fussballverbandes, aufs schärfste zurückzuweisen. Soweit sind wir uns also einig.

Für seinen szenischen Einstieg in den Kommentar berichtet der Autor aber von einem eigenen Erlebnis: «Es ist ein seltsames Gefühl, wenn bei einem Fussballspiel zwischen dem FC Zürich und dem FC Basel tausende Fans um mich herum «Alle Basler sind schwul!» Richtung Nordkurve skandieren.» Auf Nachfrage hin meint Silvan Hess, dass sich die Szene vor rund vier Jahren im Letzigrund abgespielt hat.

Seit 10 Jahren gibt es den queeren FCZ-Fanclub «Letzi Junxx». Wir sind eigentlich bei jedem Spiel dabei. Und seit dieser Zeit gab es nie organisierte Gesänge in der vom Autor beschriebenen Weise. Schon gar nicht im Letzigrund. Auch früher skandierten die FCZ-Fans wohl «scheiss schwule Hoppers» aber nie «alli Basler sind schwul». Mit Verlaub – aber diese Darstellung im Kommentar von Silvan Hess zeichnet vielleicht einen schönen Einstieg – ist aber wohl frei erfunden.

Bei der inhaltlichen Verknüpfung zum Hooliganismus und dem Einsatz von Pyrotechnik gerät der Autor dann vollends ins Offside. Eigene Vorurteile und etwas Halbwissen zu reproduzieren sollte auch für einen Kommentar auf mannschaft.com nicht ausreichen. Nichts davon steht in einem Zusammenhang mit Homophobie im Fussballstadion.

Wir möchten die Situation nicht schönreden. Natürlich gibt es auch in Schweizer Fussballstadien Homophobie. Meistens als Kraftausdrücke einzelner Besucher. Und nur in wenigen Einzelfällen als Banner oder Gesänge. In den grossen Kurven von Zürich, Basel und Bern ist aber organisierte Homophobie schon seit vielen Jahren keine akzeptierte Erscheinung und wird auch nicht zugelassen.

Engagement gegen Homophobie im Stadion ist oft mühsam und langwierig. Es sollte aber nicht zu einem Kommentar in einem wichtigen Gay-Medium verleiten, der offensichtlich auf falschen Fakten beruht.